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Wachstum im unkontrollierten Bereich

Der Liquid-Umsatz verschiebt sich weiter und weiter in den Bereich der nikotinfreien Produkte. Die TPD2 hat zu einer gefährlichen Entwicklung geführt. Nikotinfreie Liquids sind nicht reguliert und werden vor allem nicht kontrolliert. Wir brauchen dringend eine bessere Regulierung, sonst könnte eine ganze Branche in Sippenhaft genommen werden.

Welcher Aufwand ist seit 2017 nötig?

Durch die TPD2 sind die Vorschriften für nikotinhaltige Liquids deutlich strenger geworden. Der Aufwand für Unternehmen, die weiterhin nikotinhaltige Liquids verkaufen wollen, ist immens gestiegen. 6 Monate vor Verkaufsstart müssen alle Inhaltsstoffe in der Datenbank der EU eingegeben werden. Um wirklich alle Inhaltsstoffe angeben zu können, bedarf es einer umfangreichen chemischen Analyse, die in einem Report festgehalten wird. 


Dieser Aufwand ist kostenintensiv und hat zu einer Marktbereinigung bei nikotinhaltigen Liquids geführt. War die Anzahl von Anbietern nikotinhaltiger Liquids vor dem 22. Mai 2017 noch sehr groß, verringerte sich die Menge der Anbieter nach und nach. Viele kleine Betriebe warfen auf Grund der Anforderungen und der hohen Kosten das Handtuch.

Das Positive an der Entwicklung ist jedoch, die umfangreiche Datenbank und die Gewissheit über die Inhaltsstoffe bei nikotinhaltigen Liquids. Ein Beispiel: Sollten neue Erkenntnisse zu einem bestimmten Erdbeeraroma vorliegen, könnte die Datenbank innerhalb weniger Sekunden alle angemeldeten Liquids nach dem Inhaltsstoff durchsuchen. In diesem Fall könnten die Hersteller der Liquids kontaktiert werden und Liquids mit dem Erdbeeraroma vom Markt nehmen. 


Ein weiterer Vorteil ist, dass das Registrierungstool Obergrenzen für bestimmte Inhaltsstoffe hat. Sofern ein Hersteller wirklich die korrekten Angaben eintippt ist eine Registrierung nicht möglich, weil der Wert eine Obergrenze überschreitet. Dieser Mechanismus schützt den Verbraucher vor allem vor besonders gefährlichen Inhaltsstoffen. 

Das Problem liegt in der Umsetzung!


Das Problem ist tatsächlich, dass man auf die korrekten Angaben der Hersteller vertraut und die Kontrollen der Liquids zu selten und im schlimmsten Fall zu spät wären. Man erinnere sich nur an den Rechtsstreit zwischen InnoCigs und BePosh, in dem die Herausgabe der Registrierungsdaten verlangt wurde. In diesem Fall ging es nur um Hardware und die Existenz der Registrierung! 

Bei den Liquids potenziert sich das Problem, da die Expertise und das Material zur chemischen Analyse nur bei den großen Unternehmen der Branche und den Chemischen- und Veterinäruntersuchungsämtern (CVUA) vorliegt. Es ist tatsächlich wahrscheinlicher, dass ein Wettbewerber ein Liquid kontrolliert, als die Exekutive. Die Zuständigkeit für die Kontrolle von nikotinhaltigen Liquids fällt in den Aufgabenbereich der lokalen Veterinärämter. Was sich schon besonders kritisch im Bereich der nikotinhaltigen Liquids liest, erreicht im nikotinfreien Bereich eine ganz andere Sphäre.



Keine Produkthaftung, keine Inhaltsanalyse und falsche Warnhinweise


Zuerst möchte ich an dieser Stelle klarstellen, dass es viele seriöse Hersteller gibt, die auch nikotinfreie Liquids in höchster Qualität anbieten. Das soll an dieser Stelle bitte berücksichtigt werden. Nicht alle sollen über einen Kamm geschert werden, sondern strukturelle Probleme beschrieben werden.


Wie einfach ist es nikotinfreies Liquids herzustellen? Der Einkauf von großen Mengen VG, PG, Lebensmittelaromen und geeigneten Flaschen mit schönen Etiketten ist in Zeiten des World-Wide-Web ein Kinderspiel. Die Abfüllung kann von Dienstleistern in ganz Europa übernommen werden. Sie denken, dass es jetzt zu weiteren Auflagen kommt? Fehlanzeige. 


Selbst mit dem reinsten Gewissen kann es hier zu enormen Schäden kommen, da schlichtweg die Kompetenz fehlt die Inhaltsstoffe zu kontrollieren. Da es auch keine Chargen-Kontrolle gibt, fällt sogar dieser wichtige Sicherheitsmechanismus weg. In Zeiten starken Wettbewerbs nimmt nun auch der Druck besonders günstige Rohstoffe zu kaufen, weiter zu. Statt des bekannten Schweizer Unternehmens für Propylenglykol, zieht man die günstigere Variante aus alibaba.com vor. 

Wer kontrolliert nun die Qualität der nikotinfreien Liquids? Das ist die spannende Frage. Nach zahlreichen Telefonaten mit unterschiedlichen Behörden und Institutionen konnte ich diese Frage nicht zufriedenstellend beantworten. Gleichwohl waren alle Ansprechpartner extrem besorgt. Der einzige Fallstrick bei nikotinfreien Produkten ist tatsächlich das Chemikalienrecht. 

Das jeweilige Gewerbeaufsichtsamt übernimmt den Vollzug der CLP-Verordnung und überprüft die richtige Kennzeichnung von sensibilisierenden Stoffen (Aromen). Allerdings spielt dies nur eine Rolle, wenn ein Stoff im Gemisch oberhalb der bekannten Konzentrationsgrenzen liegt. Was darunter liegt, kann nicht beanstandet werden. Die Konzentrationsgrenzen beziehen sich jedoch nicht auf Gemische, die als Liquid verdampft werden.


Warum die Verteilung so gefährlich sein könnte?


Warum beunruhigt die Umsatzverteilung zwischen registrierungspflichtigen und nicht-registrierungspflichtigen Liquids? Der Markt entwickelt sich in einen grauen Bereich, der gar nicht reguliert ist und enormen Schaden anrichten kann. Vor allem muss bedacht werden, welche User besonders gern zu nicht-registrierungspflichtigen Produkten greifen. Es sind vor allem die DTL-User, die eine besonders große Menge Dampf inhalieren und einen Liquidverbrauch von über 10ml pro Tag haben. Im Gegensatz zu MTL-Usern ist die inhalierte Dampfmenge zehnmal größer. Das bedeutet, dass im schlimmsten Fall auch die inhalierte Menge eines schädlichen Liquids zehnmal so groß ist. Auch wenn einige Substanzen in Liquids erst ab einer unglaublich großen Menge schädlich wären, ist nicht zu unterschätzen was passiert, wenn schlechte Liquids in sehr großen Mengen inhaliert werden. 


Ich möchte wahrlich kein Horror-Szenario skizzieren, da viele Markteilnehmer großen Wert auf die Qualität ihrer Produkte legen. Allerdings kann ein User nicht so leicht ein qualitativ schlechtes Liquid identifizieren. Die Beurteilung findet nur auf der geschmacklichen Ebene, aber nicht auf der qualitativen statt. Selbst das schädlichste Liquid kann fantastisch schmecken, da die Menge des Aromas dies sehr gut steuern kann. Die Symptome erscheinen jedoch viel später, was auch die Nachvollziehung deutlich schwieriger macht. 


Wer schützt den Markt vor schwarzen Schafen?


Die Veterinärämter, als kontrollierende Behörde, wurden leider im Stich gelassen. In vielen Gesprächen konnte ich feststellen, dass die Mitarbeiter mit dem Tabakerzeugnisgesetz und der zugehörigen Verordnung im Stich gelassen wurden. Selbst was vielen Profis unter Einbeziehung von rechtlicher Expertise unklar bleibt, muss durch die Beamten vor Ort kontrolliert werden. Dazu kommen noch die weiteren Aufgaben der Behörde, die zwangsläufig zu einer Überlastung in diesem Bereich führen. 


Es ist schlichtweg nur durch eine Probe und eine chemische Analyse feststellbar, ob ein nicht- registrierungspflichtiges Liquid schädlich ist. An dieser Stelle verweise ich nochmals darauf, dass das nötige Equipment und Know-How rar gesät ist. Die Zeit zwischen dem Verkauf eines nikotinfreien Liquids und der ersten Kontrolle ist zu lang. 


Was passiert im schlimmsten Fall?


Schon jetzt beschweren sich alle Beteiligten über den schweren Stand der E-Zigarette in den Medien und der Politik. Im Verhältnis zu den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Vorteilen war der Weg zu über 4 Mio. Dampfern in Deutschland sehr beschwerlich. Mediale Prozesse haben einen sehr großen Einfluss auf die Wahrnehmung der E-Zigarette und auf die Regulierung. Dies können wir gerade sehr gut in den USA beobachten.


Nur ein schwerer Vorfall mit nikotinfreiem Liquid reicht aus, um eine ganze Branche in Sippenhaft zu nehmen. Die Gefahr ist bei den nikotinfreien Liquids am größten. Es ist einfach ein strukturelles Problem. Die Regulierung ist seit zwei Jahren lückenhaft und riskiert den Niedergang einer Branche. 


Die E-Zigarette wir medial als ein Produkt wahrgenommen. Auch wenn Dampfer die E-Zigarette in all ihren Formen und und Qualitätsstufen unterscheiden, ist es immer noch für den Großteil der Bevölkerung „die E-Zigarette“. Das sieht man besonders an der Berichterstattung zu Unfällen mit Mech-Mods. Es wird eben nicht zwischen einem Mech-Mod oder einem geregelten Akkuträger unterschieden.

Genau so wird die mediale Beurteilung zu einem schädlichen Shortfill aussehen. Die Schlagzeile lautet: „Dampfer stirbt an giftigem Liquid!“. Auch wenn diese Überschrift falsch ist, erzielt sie eine Wirkung und kann zu Maßnahmen wie in San Francisco oder schlimmer führen. Diese würden vor allem den Dampfern in Deutschland weh tun und paradoxerweise den Unternehmen, die jahrelang in Entwicklung, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit investiert haben. 


Die größte Gefahr ist allerdings, dass wir die einzigartige Chance verpassen ca. 14 Millionen Raucher in Deutschland eine schadstoffärmere Alternative aufzuzeigen. Die Technologie E-Zigarette kann weiterhin einen gewaltigen Impact zur nationalen Gesundheit beitragen, wenn wir wieder den Aspekt der Schadstoffminimierung in den Mittelpunkt rücken. Mit dieser Argumentation hätte man auch die besten Karten für eine faire und bessere Regulierung. 


M.P.

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